Westalen-Blatt

Eine Heldin zur Freundin
Autorin Kristina Tiemann hält Brieffreundschaft mit Schülerin aus Höxter

Westfalen-Blatt, Artikel und Interview vom Samstag, 20. Oktober 2012 von Ingo Schmitz


„Höxter (WB). Das wünscht sich wohl jedes Kind: Karina Bleßmann aus Höxter hat eine Heldin zur Freundin – Lilly Flunker. Wöchentlich schreibt sich die Schülerin mit dem mutigen Mädchen, das einem Fantasy-Roman der Autorin Kristina Tiemann entsprungen ist.

Lilly Flunker ist ein elfjähriges Mädchen mit feuerrotem Haar und vielen Sommersprossen. Sie ist tieftraurig, denn sie hat ihre Eltern verloren und lebt nun in einer Klosterschule. Gemeinsam mit dem tollpatschigen Victor erkundet sie das Kloster und seine Geheimnisse und gerät so auf eine abenteuerliche Reise durch eine Feen-Welt voller Wunder und fantastischer Gestalten.

Im Gegensatz zu diesen spannenden Abenteuern ist die Brieffreundschaft zwischen Lilly Flunker und der neunjährigen Karina Bleßmann aus Höxter völlig real. Die Schülerin, die Bibi Blocksberg und Kuscheltiere mag, hatte vor einigen Monaten nach neuem Lesestoff gesucht. »Die Geschichte sollte von Feen, Elfen und Zauberern handeln. Ich habe im Internet gesucht und bin dort auf Lilly Flunker gestoßen«, berichtet ihr Vater Peter. Zu dem Zeitpunkt gab es aber nur eine elektronische Version (E-Book). Eine Höxteraner Buchhandlung stellte den Kontakt zu der Autorin her, und die schickte Karina Bleßmann eines der damals noch wenigen gedruckten Exemplare ihres Erstlingswerks. »Im Karton lag ein Brief, und als wir den öffneten, rieselten Sternchen und Glitzerblumen heraus«, berichtet Karina mit strahlenden Augen. Das Buch enthielt zudem die Widmung »Für meinen ersten Fan«.

Voller Spannung begannen Mutter Kathrain und Vater Peter mit den Vorlesestunden. »Erst dachten wir, es wäre eine weibliche Version von Harry Potter. Es gibt anfangs viele Parallelen. Doch es entwickelt sich sehr schnell eine völlig eigenständige, fesselnde Geschichte«, ist Vater Peter begeistert. Karina schreibt sich inzwischen regelmäßig mit Lilly Briefe. »Es ist so, als würde die Heldin bei der Autorin leben«, sagt Karina mit einem Schmunzeln. Sie hat schon einige Geschenke von ihr erhalten: einen Glücksbringerstein für Klassenarbeiten und einen Rucksack mit Lilly-Flunker-Motiv. Wie kommt eine Autorin dazu? »Der enge Kontakt zu Karina war in keiner Weise geplant, es hat sich einfach entwickelt. Lilly hat den ersten Brief für mich geschrieben, weil ich wissen wollte, welcher Leser solche Mühen auf sich nimmt, um an mein Buch heranzukommen. Ich war einfach neugierig und wollte Lillys ersten Fan gern kennenlernen. Was dann daraus wurde, ist für mich selbst ein Wunder – hier hat das Leben die schönste Fantasie übertroffen! Ich hätte mich als Kind über Post von meinen Lieblingshelden wahnsinnig gefreut und wahrscheinlich wünscht sich das doch jedes Kind, oder nicht? Es macht mich glücklich, wenn Karina und Lilly sich nun schreiben, sich von ihrem Alltag erzählen und vielleicht sogar ein Stück weit miteinander groß werden.«

»Lilly« findet immer mehr Fans. Beim Internet-Handel  »Amazon« ist der Roman von Verkaufsrang 80000 auf 8000 vorgerückt. Optik Kruse stellt das Buch an diesem Märchensonntag in Höxter aus. Und mal sehen: Vielleicht lässt sich Lilly hier blicken! Das nächste Abenteuer ist in Arbeit.

Interview mit der Autorin:

Ihr Name ist Kristina Tiemann. Ist das ein Pseudonym?
Der Name ist kein Pseudonym.

Wann und wo sind Sie geboren, wo leben Sie?
Geboren wurde ich in Mecklenburg-Vorpommern, allerdings ging es schon kurze Zeit später nach Berlin. Über Zwischenstopps im Ruhrgebiet und Baden-Württemberg hat es mich wieder zurück in die Hauptstadt verschlagen, wo ich ausgesprochen gern lebe. Was mein Alter betrifft, möchte ich eigentlich nur jenes bekannte Sprichwort zitieren, in dem es heißt: Man ist so jung wie man sich fühlt. Und im Herzen bin ich wohl eher jung geblieben.

Was haben Sie studiert?
Ich habe Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Germanistische Linguistik und Geschichte des Mittelalters in Bochum und Berlin studiert und an der Humboldt-Universität mein Studium als Magister (M. A.) abgeschlossen. Besonderen Dank gebührt in diesem Zusammenhang Frau PD Dr. Boecker, Herrn Professor Dr. Schreiter-Nixdorf, Herrn Prof. Dr. Fries von der Humboldt-Universität und Herrn Prof. Dr. Spitzbart von der Ruhr-Uni, die mich während des Studiums mit ihrem Vertrauen und Verständnis unterstützt haben!

Wie lange betätigen Sie sich bereits als Autorin?
„Lilly Flunker und der Heroldstab“ ist mein Debüt als Autorin.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Kinderbücher zu schreiben? Haben Sie selbst Kinder?
Ich habe keine Kinder – in der Hinsicht hat das Leben bislang nicht mitgespielt. Entweder kamen kleinere oder größere Katastrophen dazwischen, wie Umzüge oder Todesfälle, oder der alltägliche Überlebenskampf mit Geldverdienen neben dem Studium stand dem im Weg. Zudem war es mir wichtig, das Studium auf jeden Fall zuvor erfolgreich abzuschließen, nicht nur als eine Art Selbstverwirklichung, sondern um potentiellen Kindern eine möglichst sorgenfreie Kindheit und Jugend zu ermöglichen.

Leider hatte ich keine unbeschwerte Kindheit, Erfahrungen wie Diskriminierung und Mobbing und auch Einsamkeit gehörten dazu. Zusammen mit weiteren Schicksalsschlägen führte mich dies irgendwann zu den Sinnfragen des Lebens, dem Warum? Warum passiert das ausgerechnet mir, warum bin ich auf dieser Welt? Die intensive Auseinandersetzung mit dieser Thematik ließ mich mit dem Schreiben beginnen, sozusagen als Selbsttherapie. Indem ich schrieb, half ich mir selbst, klarer zu denken und hier und dort ein paar Antworten für mich zu finden. Dadurch gibt es in dem Buch mehrere Passagen, in denen die Akteure genau über diese Fragen des Lebens diskutieren und philosophieren.

Beim Schreiben ist mir außerdem klargeworden, dass ich mit den Themen Mobbing und Einsamkeit ganz und gar nicht allein dastehe. Leider gibt es viele Kinder, die sich allein gelassen und ausgegrenzt fühlen oder die gemobbt werden. Mir war es auch ein Bedürfnis, diesen Kindern zu sagen, dass sie nicht allein sind, dass es da andere Menschen gibt, die ähnliche Gefühle durchleben.

Letztlich habe ich wahrscheinlich das Buch geschrieben, das ich als Kind selbst gern gelesen hätte. Ein Buch, das mich als junge Persönlichkeit wahr- und ernst nimmt, das mit mir spricht und mir Mut und Hoffnung schenkt. Und das mir sagt: Hey, du bist nicht allein, gib nicht auf! Höre auf dein Herz und geh deinen Weg tapfer weiter – denn irgendwann findest du einen Freund!

„Lilly Flunker“ ist ein merkwürdiger Name, der einiges erahnen lässt. Nimmt es Lilly mit der Wahrheit nicht so genau?
Lillys Familienverhältnisse sind in der Tat etwas komplizierter. Vieles davon weiß sie selbst noch nicht, manches findet sie bereits im ersten Band zeitgleich mit dem Leser heraus, anderes bleibt noch im Verborgenen. Auch hinter ihrem Nachnamen steckt eine unerhörte Geschichte, aber mehr kann ich zu diesem Zeitpunkt leider nicht verraten.

Wie charakterisieren Sie Lilly – in maximal zehn Begriffen?
Lilly ist ein kluges, neugieriges, kritisches, ungeduldiges, tapferes, ab einem gewissen Zeitpunkt sogar furchtloses, offenes, tolerantes und gerechtes Kind.

Hat Lilly etwas von Ihnen? Oder ist sie das krasse Gegenteil?
Alle meine Figuren haben mehr oder weniger von mir, Lilly wahrscheinlich eher mehr.

Wie viele Bücher sind bereits entstanden?
Zurzeit arbeite ich am zweiten Band „Lilly Flunker in Ägypten“.

Nur einige sind gedruckt. Wie funktioniert die Vermarktung per Internet?
Es existiert nur eine kleine gedruckte 1. Auflage des Buches, die ich in Eigenregie habe drucken lassen, die es allerdings zu keiner Zeit offiziell irgendwo zu kaufen gab. Derzeit arbeite ich an einer 2. Auflage des Buches, die über das Book-on-Demand Verfahren CreateSpace von Amazon veröffentlicht werden soll und hoffentlich schon bald erscheint.

Seit Ende April gibt es das Buch als E-Book für das Kindle bei Amazon und weitere E-Book Formate für andere E-Book Reader wie das iPad werden in Kürze folgen.

Die bisherige Vermarktung im Internet beschränkt sich bislang auf eine eigene Webseite (www.lilly-flunker.de) und Google Werbung. Theoretisch gibt es hier sicherlich noch einige weitere Möglichkeiten wie Facebook, Twitter etc. pp., allerdings kosten all diese Dinge auch viel Zeit – und die investiere ich lieber ins eigentliche Schreiben.

Nicht zuletzt bin ich der Ansicht, dass die beste und ehrlichste Werbung immer noch Mundpropaganda ist, also wenn einem Kind Lilly Flunker und ihre Abenteuer gefallen und sie dann ihren Freunden und Freundinnen davon erzählt.

Wie viele Leser haben Sie wohl bereits?
Meine und Karinas Familie, Freunde und Bekannte besitzen alle ein gedrucktes Exemplar der Erstauflage. Zu den E-Book Verkäufen über Amazon möchte ich eigentlich nur sagen, dass sie derzeit ziemlich an Fahrt aufnehmen und ich mich nach wie vor über jeden neuen Leser/in riesig freue – an dieser Stelle vielen Dank dafür! Ich wünsche mir, dass unter den Lesern viele Kinder sind und dass die Reise in Lillys märchenhaften Kosmos ihnen – und natürlich auch den erwachsenen Lesern – eine Menge Freude bereitet!

Was halten Sie von Harry Potter und dem Hype um die Autorin, die wohl jetzt wieder mit ihrem neuen Buch einen Kassenschlager landen wird?
Ich finde es großartig, was J. K. Rowling allein, ohne jede Unterstützung und gegen jeden Widerstand und Zweifel, aus dem Nichts geschaffen hat. Vor dieser Frau ziehe ich meinen Hut. Und in diesem Sinne, also was alles möglich ist und dass man niemals die Hoffnung aufgeben sollte, kann sie für mich nur ein Vorbild sein.

Harry Potter ist in meinen Augen außerdem toll geschrieben, ich habe alle Bände gelesen. Zudem hat mich Harry Potter mit Sicherheit auch ein wenig inspiriert, als ich nach der richtigen Schreibform gesucht habe, um meinen inneren Fragen und Gedanken Ausdruck zu verleihen. Da ich selbst Fantasy liebe, hatte ich mich schnell gegen eine abstrakte Form wie eine theoretische philosophische Abhandlung und stattdessen dann für eine Fantasy-Kinder- / Jugendgeschichte entschieden.

Was das neue Buch „Ein plötzlicher Todesfall“ von J. K. Rowling betrifft, so habe ich es nicht gelesen und kann dementsprechend inhaltlich auch nichts dazu sagen. Der Hype um die Autorin und die ganzen Geheimnisse um das Buch im Vorfeld werden wahrscheinlich dafür sorgen, dass es auch diesmal ein Kassenschlager wird. Marketingstrategisch ist das mit Sicherheit ziemlich geschickt, aber wie auch immer, ich gönne der Autorin den Erfolg von ganzem Herzen.

Wie ist der Kontakt zu Karina entstanden?
Karina und ihr Vater suchten im Internet nach einem Buch, das sich zur Abwechslung um eine Heldin dreht, gern zusammen mit Elfen und Feen. Dabei stießen sie auf „Lilly Flunker und der Heroldstab“ und landeten schließlich bei Amazon und auf meiner Webseite. Obwohl sie enttäuscht feststellen mussten, dass es „Lilly Flunker“ bislang nur als E-Book gibt, blieben sie hartnäckig. Herr Bleßmann marschierte also in die nächste Buchhandlung und erkundigte sich dort, ob es besagtes E-Book nicht vielleicht doch als gedrucktes Buch gäbe. Die Buchhandlung nahm daraufhin Kontakt zu mir auf und natürlich habe ich der Familie gern ein Exemplar aus der Erstauflage verkauft. Da ich mich über die Anfrage so gefreut habe, schickte ich zusammen mit dem Buch einen Brief von Lilly an Karina mit. Daraufhin bedankte sich Karina bei Lilly und so kam der erste Kontakt zwischen uns zustande.

Sie pflegen sehr engen Kontakt zu ihr. Warum?
Das war in keiner Weise so geplant, es hat sich einfach entwickelt. Lilly hat den ersten Brief für mich geschrieben, weil ich wissen wollte, welcher Leser solche Mühen auf sich nimmt, um an eben dieses Buch heranzukommen. Ich war einfach neugierig und wollte Lillys „ersten Fan“ gern kennenlernen.

Was dann daraus wurde, ist für mich selbst ein Wunder – hier hat das Leben die schönste Fantasie übertroffen! Ich hätte mich als Kind über Post von meinen Lieblingshelden wahnsinnig gefreut und wahrscheinlich wünscht sich das doch jedes Kind, oder nicht? Insofern macht es mich glücklich, wenn Karina und Lilly sich nun schreiben, sich von ihrem Alltag erzählen und vielleicht sogar ein Stück weit miteinander groß werden. Ich hoffe, dass Karina dabei ebenso viel Freude empfindet wie ich, denn was gibt es Schöneres als ein glückliches Kind?

Wie geht es weiter mit Lilly?
Lilly schreibt zurzeit ihre turbulenten Abenteuer auf, die sie diesen Sommer in Ägypten erlebt hat, und ich helfe ihr dabei. Dabei kann ich schon einmal verraten, dass sie ein weiteres Familiengeheimnis lüftet, dass Victor und die Elfe Amaryllis gemeinsam einen äußerst heiklen Auftrag vom Druiden Magnus erhalten und er selbst auf einer kniffligen und gefährlichen Mission unterwegs ist.

Für die Zukunft hoffe ich, dass Lilly sich auch weiterhin auf ihre Freunde verlassen kann und dass sie gemeinsam noch viele spannende Abenteuer erleben und natürlich gut überstehen werden. Ich würde mich freuen, sie dabei begleiten und ihr helfen zu dürfen, ihre Geschichten auch weiterhin aufzuschreiben.

Wer ist für die graphischen Elemente verantwortlich?
Für die Illustrationen und sämtlichen graphischen Elemente wie die Webseite ist der Illustrator Arne Beitmann (www.arnebeitmann.de) verantwortlich. Ich finde seine visuelle Umsetzung meiner Ideen fantastisch – ihm noch einmal vielen Dank hierfür! Ich freue mich schon auf die erneute Zusammenarbeit beim zweiten Band und bin sicher, es werden auch diesmal wieder tolle Bilder!